Über Tibet Talk bin ich auf diesen sehr lesenswerten Beitrag über Tibet und China gestoßen. M.A.Jones, ein Lehrer aus Hangzhou, fasst darin wissenschaftliche Arbeiten über Chinas Besetzung von Tibet zusammen. Was den Artikel so lesenswert macht, ist dass er eine Reihe von Informationen enthält, die ich als Laie in diesem Gebiet nicht kannte.
Zum einen ist die Zahl von 1,2 Millionen ermordeten Tibetern in den Jahren nach Chinas Einmarsch nicht belegbar. Volkszählungen (vor dem Einmarsch) legen eine Gesamtbevölkerungszahl von 1,2 bis 2 Millionen nahe. " If the Chinese killed 1.2 million in the early 1960s then whole cities and huge portions of the countryside, indeed almost all of Tibet, would have been depopulated ... - of which we have not seen evidence".
Auch die angebliche Versinofizierung Tibets durch massiven Bevölkerungszuzug von Han-Chinesen und Unterdrückung der einheimischen Kultur ist nicht so eindeutig wie oft im Westen dargestellt: "Barry Sautman also convincingly challenges claims that the Tibetan language is being devalued and replaced by Chinese. '92-94% of ethnic Tibetans speak Tibetan,' he notes. 'Instruction in primary school is pretty universally in Tibetan. Chinese is bilingual from secondary school onward. All middle schools in the TAR also teach Tibetan. In Lhasa there are about equal time given to Chinese, Tibetan, and English'. ... Importantly, Sautman, like me, has observed surprisingly 'few aspects of Chinese culture in Tibet, but there are many aspects of Western culture, such as jeans, disco music, etc'." Und (wieder Sautman) "the state sponsored transfer [of Han Chinese] to Tibet is on a small scale. From 1994 to 2001 the PRC organized only a few thousand people to go to Tibet as cadres. Most serve only 3 years and then return to China."
Jones schließt mit einem Hinweis auf die Komplexität des Themas: "The Tibetan issue is by no means clear-cut. It is complex, and in constant states of flux. Even Tibetan specialists find it difficult to fit together images and realities, and so one might imagine how much more difficult it is for the great majority who make no pretence to knowledge about Tibet and who, if interested, seek guidance in the formulation of their own images."
Darin finde ich mich wieder. Ich war bisher nicht in Tibet, kenne keine Tibeter, und mein Wissen beschränkt sich größtenteils auf Artikel der westlichen Presse. Und wenn ich eines gelernt habe hier in China, dann ist es, dass trotz Pressefreiheit unsere westliche Sicht auf die Welt doch ziemlich eingeschränkt ist.
ASEAN's China problem
Vor 2 Stunden
Fragt sich nur, woher unsere Presse die Infos bezieht und mit welchem Wissen sie diese Besatzungsszenarien ausmalt. Tibetr ist definitiv ein Land. entschuldigung eine Provinz, die ich noch gerne besuchen möchte.
AntwortenLöschendie gleiche frage stellt sich mir auch. vielleicht darstellungen derer, die ins exil gegangen sind.
AntwortenLöschenso leicht kann man dorthin doch angeblich nicht reisen?
interessanter artikel auf jeden fall.
Heute lief ein TV Repo über Tibet auf ZDF. Hier einige Stichwörter:
AntwortenLöschen* Chinesen zerstörten über 600 Klöster; 20 sind unversehrt geblieben
* den Mönchen ist es egal, ob die Chinesen sie mißbrauchen; hauptsache sie dürfen ihre religion ausüben.
* doch das Thema ist tabu, da der Chinesische aufpasser diese Gespräche nicht erlaubt ist; er protokolliert alles
* 120 Klöster sind zugelassen; de facto sind 240 im Einsatz;
* täglich 3000 Touristen in Lhasa; Tibet lebt vom Tourismus!
* überall polizeiliche Präsenz; insbesondere an den Tempeln;
* Ansiedlung: in Lhasa 300000 Chinesen neben 60000 Tibetern;
* Tibet: gehört zur "großen staatlichen Großstrategie zur erschließung Westchinas" gesagt von einem Chinesen. Allerdings profitiert Tibet nicht vom wirtschaftlichen Aufschwung;
* Lehrdoktrin: Chinesen wissen nicht, daß Tibet unabhängig war; auch vom Dalai Lama wissen sie wenig; sie wissen aber, daß Tibet seit dem 13Jh zu China gehörte.
* Die Unterdrückung verstärkt den Glauben der Tibeter.
* 3/4 der Bevölkerung sind Analphabeten; dadurch bleiben ihnen nur niedere Arbeiten; kaum Wohlstand
* "Eine friedliche Befreiung", so wurde die Besatzung 1950 tituliert; gegen ein Land ohne eine Armee; viele Mönche wurden getötet;
* Tibeter verdienen sich als Tagelöhner auf chinesischen Baustellen in Westchina
* Chinesen haben Tibetische Bauern enteignet; hauptsächlich Rapsöl;
* frühere Bauern arbeiten daher in Fabriken
* ein einziger Tibetischer Unternehmer; wird von vier chinesischen Beratern kontrolliert;Interview wird mitprotokolliert;
* Vorteile: Anbau neuer Früchte; Wassermelonen; gab es früher nicht in Tibet
* moderne Landwirtschaft hält Einzug
"Wie läuft es in Tibet? wie gefällt es ihnen?" Die Frau antwortet: "Zu hause war es besser". Der chinesische Aufpasser bricht das Interview ab.
* wahrscheinlich Kinderarbeit
* Eine Weberin wird gefragt: "Wie lange arbeitest Du?" Antowrt: "12-14 Stunden pro Tag." Daraufhin der Aufpasser: "Mädchen, antworte im Sommer 10 Stunden und im Winter 8 Stunden."
* Chinesen setzten eigene höhere linientreue Mönche ein. Diese werden von Tibetern nicht akzeptiert. Zuvor hat der Dalai Lama einen Mönch ausgesucht. Er wurde von Chinesen entführt.Man weiß nicht, wo er ist. Oder ob er lebt.
* Religionsunterricht ist verboten.
* Unterrichtssprache: Tibetisch, Chinesisch und auch Englisch.
* Schulausbildung wurde von Chinesen eingeführt und zur Pflicht erklärt. Das wird zwar auch so durch die Propaganda dargestellt, aber leider spricht die Analphabetenquote dagegen.
Ich sollte mal jetzt den Artikel lesen, den Du verlinkt hast.
Danke für diesen langen Kommentar.
AntwortenLöschenSo wie sich deine Zusammenfassung anhört, hat die Reportage genau das westliche Tibetbild wiedergegeben, das in dem von mir verlinktem Artikel kritisiert wird.
Ich bin immer noch verwirrt, was China angeht. Zum Beispiel Zensur und Verbote, und deren Durchsetzung. Vor kurzem war ich in einem großen DVD Laden an einer Hauptstraße. Die ersten DVDs die man gesehen hat wenn man reinkam, waren mehrere Stapel "Sieben Jahre in Tibet", ein Film der in China verboten ist. Die lagen so offen herum, dass es einfach klar ist, dass nichts schlimmes passieren wird, wenn die Polizei reinkommt.
Die Reporter selbst waren ein wenig fassungslos in manchen Situationen und sagten selbst, daß es schwierig ist zu entscheiden, wem man glauben soll. Dennoch, manche Situationen mit dem Aufpasser sprechen für sich.
AntwortenLöschenEine Angabe möchte ich korrigieren. Die Bevölkerungszahlen für Lhasa muß ich falsch verstanden haben. Sie stimmen so gar nicht mit Wikipedia überein.
Habe gestern zwar nicht den Artikel gelesen, aber ich bin in die Diskussionsthread eingetaucht. Es war spannend, wie die zwei Protagonisten sich mit der Sache argumentativ und mit Hilfe von Statistiken auseinandergesetzt haben.